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Rett-Syndrom

Rett-Syndrom

Gen: MECP2

Locus: Chromosom Xq28

OMIM-Nummer: 312750

Klinisch-genetische Grundlagen:
Ursächlich für das klassische Rett-Syndrom sind Mutationen des X-chromosomal lokalisierten MECP2-Gens. Betroffen sind praktisch nur Mädchen. Die Häufigkeit wird für Mädchen bei 1:10.000 angenommen. Die Entwicklung der Mädchen im ersten Lebensjahr ist in der Regel unauffällig, eine leichte Verzögerung und eine muskuläre Hypotonie können bestehen. Nach dem ersten Lebensjahr zeigen die Kinder oft eine Veränderung der sozialen Interaktion mit den Eltern. Die motorische Entwicklung und Sprachentwicklung ist verzögert. Bis zum vierten Lebensjahr tritt bei den Kindern plötzlich eine Phase ein, in der bereits erlernte Fähigkeiten wieder verloren gehen. Diese plötzliche Regression kann mit Fieber und Apathie einhergehen. Nach dieser akuten Phase zeigen die Mädchen eine deutliche Verhaltensänderung mit gemindertem Interesse an der sozialen und gegenständlichen Umgebung. Die Kinder zeigen Bewegungsstereotypien, typisch sind die Waschbewegungen der Hände. Das Vorliegen einer deutlichen mentalen Retardierung wird offensichtlich. Manche Kinder zeigen Phasen abnormer Atemmuster, wie Hyperventilation. Einige Kinder entwickeln eine Mikrozephalie. Epilepsien treten gehäuft auf. In der weiteren Kindheit und dem Jugendalter können in begrenztem Rahmen kommunikative und motorische Fähigkeiten erlernt werden. Viele betroffene Mädchen können über den Augenkontakt gut kommunizieren, während Sprache nicht oder nur sehr eingeschränkt vorhanden ist. Für die späte Kindheit und das Erwachsenenalter wird ein eher fröhlicher Charakter der Mädchen beschrieben. Weitere Auffälligkeiten können Fußdeformitäten, eine Skoliose, kalte Extremitäten, Zähneknirschen, schwere Schreianfälle und Schlafstörungen, u.a. mit nächtlichem Lachen und Tagesmüdigkeit, sein.
Das Vorliegen des typischen Bildes eines Rett-Syndroms bei Jungen ist sehr selten und findet sich nur bei X-Polysomie (z.B. Klinefelter-Syndrom) oder bei Vorhandensein der MECP2-Mutation im Mosaikstatus. Atypische klinische Bilder, oft mit schwerer Enzephalopathie, können jedoch auch bei Jungen mit einer MECP2-Mutation oder Genduplikation assoziiert sein.
Eine kausale Therapie ist nicht möglich, symptomatische Therapien stehen jedoch zur Verfügung und verbessern u.a. auch die Lebenserwartung.
Mehr als 95% der MECP2-Mutationen treten als Neumutation auf, in der Regel auf dem väterlichen X-Chromosom. Das Wiederholungsrisiko ist dann gering (weniger als 0,1% aufgrund von Keimzellmosaiken). In seltenen Fällen ist die Mutter bereits Mutationsträgerin, aufgrund eines günstigen X-Inaktivierungsmusters jedoch asymptomatisch. Das Wiederholungsrisiko beträgt dann 50%.

 

Häufigkeit:
1:10.000

Erbgang:
X-chromosomal-dominant

Indikation:
V.a. Rett-Syndrom bei Mädchen mit:
- (schwerer) geistiger Behinderung
- reduzierten oder fehlenden sprachlichen Fähigkeiten bei auffällig guter Kommunikation über den Augenkontakt
- Bewegungsstereotypien (u.a. Waschbewegungen der Hände) und auffälligen Atemmustern
- Regression in der Entwicklung (diese ist jedoch nicht immer offensichtlich)

Pränatale Diagnostik:
Auf Anfrage

Material und Transportbedingungen:
2-5 ml EDTA-Blut, Transport bei Raumtemperatur

Dauer der Untersuchung:
3-4 Wochen

Diagnostisches Verfahren:
Polymerase-Ketten-Reaktion, DNA-Sequenzierung MECP2-Gen (Exons 1-4 incl. angrenzender Intronsequenzen); Untersuchung auf größere genomische Aberrationen (Duplikationen oder Deletionen) im MECP2-Gen mittels der Multiplex Ligation Dependent Probe Amplification (MLPA)-Methode • Mit der Mutationssuche kann bei etwa 95% der Patienten mit klassischem Rett-Syndrom die ursächliche Mutation nachgewiesen werden.

Literatur:
Smeets E.E.J.; Rett Syndrome. Mol Syndromol 2011;2:113-127