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Hereditäre Spastische Paraplegie

Hereditäre Spastische Paraplegie SPG3A, SPG4 (HSP)

Hereditäre Spastische Paraplegie SPG3A, SPG4 (HSP)

Gen: ATL1 (SPG3A), SPAST (SPG4)

Locus: Chromosom 14q22.1 (ATL1), 2p22.3 (SPAST)

OMIM-Nummer: 182600, 182601

Klinisch-genetische Grundlagen:
Die hereditären spastischen Paraplegien (HSP) stellen ein klinisch und genetisch sehr heterogenes Krankheitsbild dar. Allen HSPs gemeinsam ist die Neurodegeneration des Corticospinaltrakts mit in der Folge zunehmender Schwäche und Spastik der unteren Extremität. Die simplen Formen der HSP beschränken sich im Wesentlichen auf die spastische Lähmung der unteren Extremität. In einigen Fällen können eine Blasenfunktionsstörung oder sensible Ausfälle hinzukommen. Bei den komplexen Formen der HSP liegen noch weitere Symptome wie kognitive Einbußen, Demenz, Epilepsie, Spastik der oberen Extremität, Kleinhirnbeteiligung, Augenbeteiligung oder Taubheit vor. Es sind über 50 Formen der HSP bekannt, von denen noch nicht für jede Form der ursächliche Gendefekt bekannt ist. Die meisten Formen der HSP folgen einem autosomal-dominanten oder einem autosomal-rezessiven Erbgang. X-chromosomale und maternale Erbgänge sind ebenfalls beschrieben. Etwa die Hälfte der Menschen mit HSP haben den Typ SPG4 oder SPG3A (SPG = Spastische Paraplegie). Diese beiden Typen der HSP werden autosomal-dominant vererbt und beruhen auf Mutationen im SPAST-Gen (SPG4) bzw. ATL1-Gen (SPG3A). Die SPG4 und die SPG3A treten in der Regel als simple Form der HSP und nur selten als komplexe Form auf. Die beiden Formen können grundsätzlich in jedem Erkrankungsalter auftreten. Typisch für die SPG3A ist jedoch ein Auftreten vor dem 10. Lebensjahr und für die SPG4 ein Auftreten um das 10. sowie um das 30. Lebensjahr. Eine kausale Therapie gibt es für die HSP derzeit nicht. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen physiotherapeutische Übungen zum Erhalt der Beweglichkeit, die Versorgung mit Orthesen und anderen Hilfsmitteln und ggf. die Gabe antispastischer Medikamente wie Baclofen.

 

Häufigkeit:
Regional unterschiedlich: ca. 1:10.000 - 1:100.000

Erbgang:
Autosomal-dominant, autosomal-rezessiv, X-chromosomal, maternal

Indikation:
Spastische Lähmung der unteren Extremität ohne weitere Symptome und V.a. autosomal-dominante Vererbung (z.B. bei gleichzeitigem Betroffensein eines Elternteils) mit Erkrankungsalter in der Kindheit (SPG3A und SPG4 testen) bzw. im Erwachsenenalter (zunächst SPG4 testen).

Material und Transportbedingungen:
2-5 ml EDTA-Blut, Transport bei Raumtemperatur

Dauer der Untersuchung:
6-8 Wochen

Diagnostisches Verfahren:
Polymerase-Kettenreaktion mit anschließender Sequenzierung der kodierenden Abschnitte des SPAST- und / oder des ATL1-Gens (Exons inklusive angrenzender Intronsequenzen); Untersuchung auf größere genomische Aberrationen (Duplikationen oder Deletionen) im SPAST- und ATL1-Gen mittels der Multiplex Ligation Dependent Probe Amplification (MLPA)-Methode; Detektionsrate 50% (40% der HSP gehen auf SPAST-Mutationen zurück, 10% auf ATL1-Mutationen)

Literatur:
Finsterer et al. (2012) Hereditary spastic paraplegias with autosomal dominant, recessive, X-linked, or maternal trait of inheritance. Journal of the Neurological Sciences 318, 1-18.